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1800 – 1850

Vom Ancien Regime zur Moderne – Dortmund Weg von der Agrar- zur Industriestadt

Ausgelöst durch die Französische Revolution von 1789 war es zur Umwälzung des nahezu gesamten europäischen Kontinents gekommen. Auch Dortmund bekam die Folgen zu spüren.

Französische Revolutionsarmeen hatten die Grenzen Frankreichs überschritten und linksrheinische Territorien besetzt. Mit dem Auftreten Napoleon Bonapartes auf der politischen Bühne veränderte sich Europa nachhaltig. Das Heilige Römische Reich brach aus  ein  ander – das war auch das Ende der Reichsstadt Dortmund. Die Stadt fiel 1803, nicht wie es der Dortmunder Ratsherr und Publizist Arnold Mallinckrodt gewünscht hatte, an den König von Preußen, sondern gemeinsam mit der Abtei Korvey an den Fürsten Wilhelm von Oranien-Nassau. Daraufhin legte Caspar Heinrich Schäffer, der letzte regierende Bürgermeister der Reichsstadt Dortmund, sein Amt nieder.

Auch wenn die Zeit der Fremdherrschaft viel an Unterdrückung gebracht hatte, so verursachte sie auf Verwaltungsebene und im Rechtswesen einen dringend notwendigen Modernisierungsschub. Die Ursprünge des städtischen Katasters der Neuzeit, die Einführung eines Einwohnermelderegisters mit Registrierung aller Geburten, Heiraten und Todesfälle sowie die Vergabe von Hausnummern gehen auf „revolutionäre” französische Einflüsse zurück.

Die Häuser wurden gemäß „numerus currens”, vom Ostentor mit Nummer 1 beginnend, bis zum Westentor durchgezählt.

Der Verlust der reichsstädtischen Freiheit 1802 musste den Dortmundern zwar als ruhmloser, andererseits aber auch als nachvollziehbarer Ausklang einer großen Vergangenheit erscheinen. Im Rückbau der mittelalterlichen Stadtbefestigung und damit ihrer endgültigen Zerstörung fand das Ende der Reichsfreiheit auch symbolisch seinen Ausdruck. 1806 wurden das Kuckelketor, 1810 schließlich das Neu-, Osten- und Westentor abgerissen. Für den Prinzen von Oranien war Dortmund nur ein Ausbeutungsobjekt zwecks Anhebung seiner Einkünfte. Er säkularisierte das Katharinen- und das Franziskanerkloster und erklärte den großen, bisher reichsstädtischen Grundbesitz in Stadt und Grafschaft Dortmund zum Staatseigentum.

Mit der Schlacht von Jena und Auerstädt (1806) war jedoch die Herrschaft des Prinzen von Oranien schon beendet. Dortmund wurde von den Franzosen besetzt und am 1. März 1808 dem neugebildeten französischen Großherzogtum Berg einverleibt. Das Großherzogtum mit der Hauptstadt Düsseldorf wurde wie eine französische Provinz verwaltet. Nach den vier Hauptflüssen wurde es in vier Departements, das Rhein-, Ruhr-, Sieg- und Emsdepartement, eingeteilt. Dortmund wurde zur Hauptstadt des Ruhrdepartements und damit zum Sitz zahlreicher Verwaltungs- und Gerichtsbehörden bestimmt, an deren oberste Spitze der Präfekt des Ruhrdepartements, der Freiherr von Romberg zu Brünninghausen, trat.

Die ehemalige Reichsstadt Dortmund schloss sich in den Befreiungskriegen gegen die französischen Truppen Napoleons begeistert dem preußischen Heer an, und die Bevölkerung war hoch erfreut, als am 10. November 1813 – nach der Völkerschlacht bei Leipzig am 29. Oktober 1813 – preußische Husaren die Stadt besetzten.

Die napoleonischen Staatsschöpfungen, das Königreich Westfalen und das Großherzogtum Berg, wurden aufgelöst. Die preußische Administration traf auf ein Dortmunder Bürgertum, das sich selbstbewusst gab. Schließlich konnte man auf eine reichsstädtische Vergangenheit zurückblicken und hatte mit der Übernahme des französischen  Rechtssystems bereits Grundlagen  zur Modernisierung der Verwaltung in Angriff genommen.

Die Aufwertung als  Verwaltungszentrum des Departements der Ruhr, der Zuzug von französisch geschulten Verwaltungsbeamten hatten zweifellos Bewegung in bisher bestehende und verkrustete Strukturen gebracht. Dass 1815, im Zuge der neugebildeten preußischen Provinz Westfalen, als Ausgleich für den Verlust zahlreicher zentraler Verwaltungsfunktionen in Dortmund das Oberbergamt für die westfälischen Provinzen errichtet wurde, in dessen Zuständigkeit dann auch der gesamte Steinkohlenbergbau an Ruhr und am Niederrhein fiel, er  wies sich für Dortmund als zukunftsträchtig, zumal der Bergbau nach der Übernahme durch die preußische Verwaltung eine Belebung erfahren hatte.

Generell veränderten sich die wirtschaftlichen im Verhältnis zu den politischen Strukturen Dortmunds in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nur allmählich. Dortmund war 1815, trotz aller positiv interpretierten Entwicklungstendenzen, ein verarmtes und landwirtschaftlich geprägtes Städtchen mit 4.000 Einwohnern, das an Größe sogar von Münster (15.000 Einwohner) und Iserlohn (5.000 Einwohner) übertroffen wurde.

Man befand sich vor dem Industrialisierungsschub auf dem Niveau wie die Kleinstadt Unna (3.500 Einwohner). Zu dieser Zeit waren, abgesehen vom Ackerbau, in der Stadt einige kleine Manufakturen für Eisen- und Baumwollwaren angesiedelt.

1816, als ein Beauftragter des Preußischen Staatsministeriums die westfälischen Städte bereiste, stellte er fest, dass „das über  wiegend wichtigste Gewerbe des Ortes der Ackerbau sei”. Die durch den Rat der Stadt gegen den Willen der Handwerkergilden geförderte

Heranziehung auswärtiger „Fabrikanten” trug jedoch erste Früchte. Einige „Zuwanderer” trugen maßgeblich zur frühen Industrialisierung bei. Familienangehörige der Overbecks, Ham(m)achers, Meininghaus und Stades heirateten in alt  eingesessene Honoratiorenfamilien.

War es der Kaufmann Wilhelm Hammacher, der als erster in England für seine Mühle eine Dampfmaschine in Auftrag gab, so zeichneten sich die Overbecks als die eigentlichen Begründer der Dortmunder Brauindustrie aus. Somit kam es nicht von ungefähr, dass sich Dortmund bereits 1837 öffentlich seines Bieres rühmen konnte:

„Der Stadte Ruhm kocht man auch mit den Bieren durch ganz Teutonia, doch kann das über  all nicht exzellieren wie in Tremonia”.

Dieser Ruhm wurde durch die um 1845 erfolgte Einführung der bayerischen Braumethode gewaltig gesteigert. Gleichzeitig mit dem Übergang der bereits seit dem Mittelalter bestehenden „Hausbrauereien” zu allmählich entstehen  den Großbetrieben in der Brauindustrie infolge neuer technischer Errungenschaften veränderten sich auch die Methoden der Kohle- und Eisengewinnung sowie des Bergbaus.

Die wichtigsten Fortschritte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren auf die Einführung der Dampfmaschine und den damit verbundenen Übergang zum Tiefbau zurückzuführen. Durch das Puddelverfahren, in dem die teure Holzkohle durch Steinkohle im Eisenschmelzverfahren ersetzt werden konnte, bahnte sich für die Industrialisierung der enge Verbund von Kohle und Eisen an – zwei Komponenten, die auch für die Entwicklung Dortmunds von entscheidender Bedeutung waren.

1837, im Geburtsjahr des Zechentiefbaus, konnte auf  grund neuer technischer Errungenschaften die 100 Meter dicke Mergeldecke – Voraussetzung für die Kohleförderung – überwunden werden.

Dortmund hatte zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen Charakter als Reichsstadt verloren, wurde aber dafür Mitte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der industriellen Entwicklung Westfalens und des Ruhrgebietes. Die Bevölkerung wuchs immerhin von 6.000 Einwohnern im Jahr 1832 auf 17.500 im Jahr 1856.