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1919 – 1933

Krisen und Kompromisse – Demokratie und Republik

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war eine Zeit der Krisen in Wirtschaft und Politik, aber auch der Blüte, etwa im Hinblick auf Kultur und Urbanität.

Die westfälische Städteordnung von 1856, die auch für Dortmund galt, hatte den Dualismus von zwei Körperschaften städtischer Selbstverwaltung vor­gesehen: den Magistrat und die Stadtverordne­tenversammlung. Der Magistrat wurde von der Stadtverordnetenversammlung gewählt und setzte sich sowohl aus hauptberuflichen als auch ehrenamtlichen Stadträten zusammen. Den Vorsitz im Magistrat führte der Oberbürger­meister als Primus inter pares. In den ihnen zuge­wiesenen Dezernaten hatten die Magistratsmit­glieder weitgehende Entscheidungsbefugnisse, wobei die Kontrollmöglichkeiten der Stadtver­ordneten relativ beschränkt waren. Die letzte Stadtverordnetenversammlung des Kaiserreichs gliederte sich aufgrund des Dreiklassenwahl­rechts noch 1918 in 50 Mitglieder der Deutsch­nationalen Partei, 14 des Zentrums, 8 Sozialde­mokraten und 4 Freisinnige. Sämtliche Magistrats­mitglieder stammten aus der bürgerlichen Ober­schicht. Bei den Wahlen zur ersten demokrati­schen Nationalversammlung 1919 wurden in Dortmund für die SPD 46,5 % der Stimmen abge­geben, für das Zentrum 25,4 % und für das Wahl­bündnis DVP/DNVP 15,8 %.

Mit diesem Ergebnis, das in den darauffolgenden ersten Kommunal­wahlen der Weimarer Republik vom 2. März 1919 weitgehend bestätigt wurde, waren erhebliche Veränderungen im künftigen Dortmunder Stadt­parlament verbunden. Dennoch kam es zu keiner grundlegenden Neuregelung des Verhältnisses Stadtverordnetenversammlung – Magistrat, zumal die knappe bürgerliche Mehrheit dafür sorgte, dass der der DVP nahestehende Dr. Ernst Eichhoff Oberbürgermeister blieb. Einige zentrale Positionen in der Verwaltung wurden jedoch neuerdings von  Sozialdemokraten besetzt. In der Stadtverordnetenversammlung stellten sie mit Ernst Mehlich den Stadtverordneten­vorsteher Symbolhaft für die zögerliche Durch­setzungskraft der neuen Zeit war der „Bilder­sturm” von 1919, bei dem es um die Beseitigung des Wandschmucks im Stadtverordnetensitzungs­saal ging. Auf Initiative der SPD sollten die Bilder von Kaiser Wilhelm II. und Bismarck abgehängt werden, was den national gesinnten Abgeordne­ten gar nicht gefiel.

Trotzig schlug man vor, „Bismarck im Saal hängen zu lassen” und nur den Kaiser durch Hindenburg zu ersetzen, was eine Provokation für die Vertreter der sozialistisch orientierten Arbeiterschaft dar­gestellt hätte. Letzten Endes setzte sich hier – zum ersten Mal in der politischen Geschichte Dortmunds – der später so oft zitierte „Dortmunder Konsens” durch. Den brachte Stadtbaurat Friedrich Kullrich zustande. Seine Lösung: Freiherr vom Stein ziert den Stadtverordnetensaal. Ex-Reichskanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm II. wurden ins Museum verbannt.

Die Weimarer Republik war die Zeit der Konflikte und Kompromisse. Der Kapp-Putsch der reaktio­nären Kräfte gegen die junge Weimarer Demokratie scheiterte zwar 1920. Aber der im Anschluss daran stattfindende größte Arbeiteraufstand der „Roten Ruhrarmee” betraf insbesondere Dortmund, das aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen Freikorpstruppen und bewaffneter Arbeiterein­heiten vorübergehend – am 17. März 1920 – einen radikalsozialistischen Oberbürgermeister erhielt, der sich selbst vor dem Alten Rathaus zum „Volks­tribunen” ausgerufen hatte. Diverse Gefechte in Aplerbeck und in der Innenstadt hatten zahlreiche Todesopfer gefordert. Die Anhänger der sozialisti­schen „Märzrevolution” wurden auf dem Nord­friedhof am Burgholz beigesetzt, wo noch heute ein mit Hammer und Sichel versehener Grabstein an die Toten erinnert.

Auch die Last der Reparationen sowie der Ruhr­kampf und die damit verbundene französische Besetzung Dortmunds von 1923 bis 1924 verun­sicherten die Bevölkerung und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Vor dem Hintergrund der Inflation und des wirtschaftlichen Zerfalls mussten in dieser Zeit außerdem zahlreiche Betriebe schließen.

Als die Franzosen am 22. Oktober 1924 die Stadt Dortmund schließlich räumten, waren fast 90 % aller Erwerbstätigen arbeitslos und 78 Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund stillgelegt. Das Produktionsvolumen der Wirtschaft erholte sich davon nur allmählich. Die Roheisenerzeugung von Hoesch lag 1924 unter dem Stand von 1913.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Genese der Wirtschaft in den nächsten Jahren, welche Zeitgenossen als die „Goldenen Zwanziger” Jahre in Erinnerung geblieben sind, war die Stabi­lisierung der außer Kontrolle geratenen Währung. Wirkte sich die Inflation auf die Bevölkerung ver­heerend aus, so profitierten im Gegensatz dazu zahlreiche Großbetriebe.

Die Ausnutzung von Geldentwertung, Verschul­dung, Rückzahlung und Investitionen ließen eine Reihe von Großbetrieben und Großvermögen ent­stehen. Die 20er und 30er Jahre wurden von Kon­zerngedanken geprägt und führten auf regionaler und nationaler Ebene zu immer mächtigeren Zu­sammenschlüssen. Zum größten Ruhrkonzern entwickelten sich die „Vereinigten Stahlwerke” von 1926, die vom Dortmunder Großindustriellen Albert Vögler gemanagt wurden. Nur noch ein Teil der Dortmunder Eisen- und Stahlindustrie, im Wesentlichen die im Hoesch-Konzern zusam­mengeschlossenen Betriebe, wurden noch von Dortmund aus gesteuert und verwaltet.

Doch zeigten sich, was die städtische Infra­struktur anbetraf, auch einige Lichtblicke. So wurde beispielsweise im April des Jahres 1925 der Flughafen Dortmund eröffnet. Zeitweise wurden dort mehr Flugpassagiere als in Düsseldorf abgefertigt. Im gleichen Jahr wurde die Westfalenhalle eröffnet. Der weltberühmte Monumentalbau war geradezu prädestiniert für Sportveranstaltungen wie Sechstagerennen, Boxkämpfe und Hallensportfeste. Bereits in den Zwanziger Jahren fanden hier auch Konzerte und politische Massenversammlungen statt. Mit dem „Emelka”-Filmpalast im Westfalenhaus an der Hansastraße entstand 1929 das fünfte Groß­kino in Dortmund mit einem Fassungsvermögen von nahezu 2.000 Sitzplätzen.

Neben der starken Verbesserung der städtebau­lichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Infrastruktur spielte auch die kommunale Gebiets­reform eine große Rolle. In den Jahren1928/29 wurden neben der Stadt Hörde auch die Land­kreise Dortmund und Hörde – nicht nur gegen den Willen des „roten” Landrates Wilhelm Hansmann – nach Dortmund eingemeindet. So entstand ein Groß-Dortmund mit 541.667 Einwohnern und 27.152 Hektar Gebietsfläche. Dortmund war im Zuge seiner Eingemeindungen nach Berlin zur flächengrößten Großstadt des Deut­schen Reiches geworden.

Aus der „Stadt in Ruß und Rauch” sollte die „Stadt im Grünen” werden. Einer der profiliertesten Politiker, seit 1924 Vor­steher des Stadtparlaments, war Fritz Henßler. Als Reichstagsabgeordneter kämpfte er nicht nur für seine Wahlheimatstadt Dortmund, sondern auch bis zum bitteren Ende für die Weimarer Republik.

Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 verlor im weitgehend monostrukturierten Dort­mund, wo außer den wirtschaftlichen Leitsektoren Bergbau und Stahl kein nennenswerter tertiärer Sektor existierte, jeder zweite Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz. Das Jahr 1932, als etwa 40 Prozent der Bevölkerung aus Wohlfahrtsmitteln unterstützt werden mussten, wurde zum Jahr der Hunger­märsche und Demonstrationen, der Straßenkämpfe und politischen Radikalisierung. Die Spielräume der demokratischen Parteien und der Stadtverwaltung wurden durch Gewaltaktio­nen drastisch eingeschränkt. Die NSDAP gewann nach zögerlichem Start auch in Dortmund Anhän­ger, während die KPD bei den Reichstagswahlen von 1932 (31,2 %) die meisten Stimmen erhielt und insbesondere über eine stabile Anhängerschaft im Dortmunder Norden verfügte. Der Kampf zwischen links und rechts spitzte sich in Dortmund, einer Hochburg der sozialistischen Arbeiterbewegung, zu.

Der große Durchbruch blieb den Nationalsozia­listen hier – im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Städten – aufgrund der stark veran­kerten Position der Arbeiterbewegung versagt. Bei den letzten – noch scheindemokratischen – Wahlen vom 5. März 1933 reichte es nur zu 27 % für die NSDAP, die im Reichsdurchschnitt 44 % der Wählerstimmen erzielt hatte. Die Arithmetik der Zahlen wurde jedoch in den folgenden Wochen und Monaten durch den gewaltsamen Terror der NS-Horden ohne­hin ad absurdum geführt.