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1958 – heute

Strukturkrise und Strukturwandel

Der große Schwung des Wiederaufbaus brachte Dortmund auf vielen Sektoren Spitzenwerte. Doch die konnten auf Dauer nicht die Probleme überdecken, die mit dem Ende der 50er Jahre ein­setzenden Strukturwandel auftauchten. Betroffen waren die tragenden Säulen der Wirtschaft: Kohle und Stahl. Ende 1958 erfolgten im Bergbau die ersten Entlassungen; eine ununter­brochene Abwärtsentwicklung der Kohle­förderung setzte ein. Billige Importkohle und preisgünstiges Mineralöl veränderten die Strukturen auf dem Energiemarkt. Die damit bedingten Stilllegungen von Schachtanlagen, die über Generationen hinweg das Erscheinungsbild eines Stadt­teils, die Mentalitäten, die Arbeit und den Alltag geprägt hatten, waren für die jeweils ansässige Bevölkerung nicht nachzuvollziehen. Sie fühlte sich von der Politik im Stich gelassen. Die Folge: Massenproteste wie jener „Schwarze Samstag” in Huckarde am 21. Oktober 1967, als 15.000 Menschen gegen die Schließung der Zeche Hansa mobil machten. Mit Gründung der Ein­heitsgesellschaft Ruhrkohle AG gelang es, den Niedergang des Bergbaus in einem ge­ordneten Anpassungsprozess aufzufangen, der gleichbedeutend mit Dortmunds Abschied von der Kohle war.

Mit den Zechen Gneisenau (1985) und Minister Stein (1987) wurden die letzten Kohlebergwerke auf Dortmunder Stadtgebiet geschlossen. Die Fördertürme, markante Wahrzeichen, ver­schwanden aus dem Stadtbild und sind inzwischen Bestandteil von Industriemuseen. Eine weitere Erschütterung setzte ab 1975 mit der Stahlkrise ein. Den Konzentrationsprozessen auf lokaler Ebene, teilweise bedingt durch Konkurrenz aus Billigstahlländern, der verschlechterten Absatz­lage sowie einer rasanten technischen Entwick­lung folgte die Vereinigung auf regionaler und nationaler Ebene. In Dortmund verschmolz die Hörder Hüttenunion 1966 mit Hoesch, nachdem bereits 1963 im Werk Union der letzte Hochofen erloschen war. Die Fusion von Hoesch mit Krupp und später mit Thyssen kennzeichnete den vor­läufigen Abschluss dieser wirtschaftlichen Ent­wicklung. Auch die in dem Jahrzehnt von 1950 bis 1960 erreichte Stellung Dortmunds als „Europas Bierstadt Nr. 1″ ist durch Einbrüche und Fusionen stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Trotz latenter Strukturkrisen wurden in Dortmund die Zeichen des strukturellen Wandels in vielfacher Hinsicht erkannt und umgesetzt. Zukunftweisendes Signal war Ende 1968 die Grün­dung der Dortmunder Universität, nachdem 1961 Bochum mit dem Zuschlag für die künftige Ruhr­Universität durch die Landesregierung „bevor­zugt” worden war.

Die Universität, in der 1971 die Pädagogische Hochschule aufging, zählt heute über 25.000 Studierende. Die 1971 errichtete Fachhochschule weist den Wissenschaftsstandort Dortmund zusätz­lich aus und nimmt weitere 10.000 Studenten auf. Fraunhofer-Institut, Technologiezentrum und Technologiepark, die seit 1985 in unmittelbarer Nachbarschaft der Universität entstanden und stetigweiterentwickelt worden sind, ergänzen den Wissenschaftspark, der zusätzlich durch viele städtische Institute und sonstige wissenschaftliche und kulturelle Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen und Archive bereichert wird.

Wie schwer der strukturelle Wandel zu bewältigen ist, zeigen allein die nüchternen Zahlen. In der Zeit von 1960 bis 1994 verringerte sich die Zahl der Industriebeschäftigten von 127.000 auf 37.000 Personen. Rund 90.000 Arbeitsplätze sind der Stadt Dortmund in diesem Zeitraum verlorengegangen. Der allgemeine Wandel Dortmunds in den letzten 20 Jahren wird wohl am augenfälligsten in der neuen Architektur und repräsentativen Bauten. Dazu zählen die Neubauten der Westfälischen Hypothekenbank und der VEW (1976), der Haupt­verwaltung der Signal-Versicherungen sowie der Oberpostdirektion (1981), die repräsentativen Verwaltungsgebäude der Continentalen Versiche­rungsgruppe und des Volkswohlbundes, die Erwei­terungen der Westfalenhalle, die Neubauten der Spielbank Hohensyburg (1985), der DASA (1994) oder des Harenberg City-Centers (1994).

Nicht vergessen werden dürfen auch die städ­tischen Neubauten des neuen Rathauses (1989), des Hauses der Bibliotheken (1999) durch Mario Botta, des Flughafenterminals in Wickede (2000), das städ­tische Dienstleistungszentrum mit dem Neubau der Berswordt-Halle (2002) sowie weitere Investitionen im kulturellen Bereich der Museen, der Volkshoch­schule und dem Leuchtturmprojekt Konzerthaus in der Brückstraße (2002). Damit wurde man der lange vernachlässigten Erkenntnis gerecht, dass künftige Standortfragen von Industrie- und Hightechansiedlungen auch in den modernen Wechselwirkungen zwischen Wirt­schaft und Kultur liegen.

Ein neuer moderner Hauptbahnhof steht Dortmund gut zu Gesicht, waren doch die bisherigen Bahnhofs­bauten immer ein Zeichen des industriellen Auf­bruchs (1847) oder neu gewonnener Urbanität (1910).

Wichtig bleibt, dass die vom Einzelhandel angemahnte Rekultivierung einer erlebnisreichen und attraktiven City weiter betrieben wird.Dazu zählen neben der Geschäftswelt und Multi-plexkinos auch die Belebung der Innenstadt durch Cafes, kleine Theater, neue Plätze und Grünflächen, die zur Hebung der Lebensqualität beitragen. Dazu trägt auch wesentlich der Jazzclub „domicil” bei, der Ende 2005 im Westfalenhaus an der Hansa­straße (ehem. Standort des UfA-Filmpalastes) eine neue Location fand.

Dortmund versteht sich heute als Zentrum der Infor­mation und Kommunikation, verfügt über einen neu ausgebauten Flughafen, drei Tageszeitungen, ein Landesstudio SAT 1, ein WDR-Studio, eine Hör­funkakademie, ist Sitz eines traditionsreichen graphi­schen Gewerbes und von Buchverlagen. Weitere Entwicklungschancen werden in der Soft­wareindustrie sowie bei Multimediafirmen gesehen. Dortmund erweckt immer noch den Eindruck einer Stadt im Wandel, worauf auch beschäftigungs-orientierte Ansiedlungen wie das Areal der „Stadt­krone” Ost oder auch das „dortmund-project” hinweisen, wodurch insbesondere Arbeitsplätze in der Informationstechnologie und im elektronischen Handel (IT-Branche und E-Commerce) geschaffen werden sollen.

Historische Rezepte eignen sich kaum dazu, die Komplexität der Zukunft, die zudem von nationalen und internationalen Fusionsprozessen begleitet wird, zu bewältigen. Auf dem Hintergrund aller neuen technischen Innovationen und der damit verbundenen Investi­tionen sollte Dortmund auch weiterhin auf sein gutes, über die letzten 150 Jahre hinaus ge­wachsenes Image als Industriestadt setzen. Dortmund begegnet dem strukturellen Wandel offensiv und seine Vitalität, welche die Stadt in der Vergangenheit oft genug gezeigt hat, wird ihr ein angemessener Platz in der Wirtschaft und Kultur des Landes verleihen.

Ein Blick in die Stadtgeschichte wird dabei immer angebracht sein, um an die politische und wirt­schaftliche Verantwortung zu erinnern, die in Dortmunds 1125jähriger Geschichte -in Krisen wie in Hochzeiten – von Menschen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kultur über­nommen worden ist.